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100 Tage “Friedberger Tafel“

Friedberg (har). Seit fast 100 Tagen gibt die im Februar gegründete “Friedberger Tafel“ nun schon Lebensmittel an in der Kreisstadt lebende Bedürftige aus. Über 80 freiwillige Helfer sorgen dafür, dass an den Ausgabetagen die Abholung, Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel bisher durchweg reibungslos lief. An jedem Ausgabetag sind 15 bis 20 Helfer aktiv und am Freitag letzter Woche war nicht nur die Wetterauer Zeitung zugast bei der Tafel, auch eine Videojournalistin des hessischen Fernsehens war gekommen, um einen Beitrag für das Magazin „de facto“, der am kommenden Sonntag ab 18.00 Uhr zu sehen ist, zu drehen. Schon im August berichtete SAT1 in ihrer Magazin-Sendung „17:30 live“ über die Tafel-Arbeit und eine sechsköpfige Familie, die einmal die Woche für 1,50 Euro zwei Kisten Lebensmittel erhält.
Zurzeit werden mittwochs und freitags ab 14.00 Uhr die Lebensmittel im geschmackvoll eingerichteten Laden in der Kleinen Klostergasse 11 ausgegeben, doch ein solcher Ausgabetag beginnt für die ersten Tafel-Helfer schon am frühen Morgen, müssen doch mit dem Tafelwagen die Lebensmittel erst einmal eingesammelt werden. Um kurz nach halb acht starteten am Freitag Peter Radl, der 2. Vorsitzende und Mitinitiator der Friedberger Tafel, und Horst Lerch aus Nieder-Wöllstadt den Wagen auf dem Parkplatz neben dem Tafelladen.
Erste Station der Tour war die Stadtbäckerei Schwarzhaupt in der Haagstraße, wo schon drei Kisten voller Brot; Kuchen und Brötchen sowie eine große Tüte voller Stückchen bereit standen. Weiter ging es dann nach Dorheim zur Bäckerei Ullrich und zu der hat Peter Radl eine ganz besondere Verbindung: „Schon nach dem Erscheinen des Artikels in der WZ über die erste Info-Veranstaltung im Januar dieses Jahres meldete sich Wilhelm Ulrich bei mir und versprach, sofort mitzumachen, wenn es los geht“.
Für Wilhelm Ulrich und Sohn Tobias war sofort klar, diese Arbeit zu unterstützen, denn „Ich kannte die Tafel-Arbeit von meiner zeit auf der Meisterschule in Frankfurt“ erzählt Tobias Ulrich und bringt zusammen mit seinem Vater die beiden Kisten mit Brot, Stückchen und einem Käsekuchen nach draußen. Zuvor haben die Ullrichs bereits den Lieferschein vorbereitet, denn einen solchen Schein erhält jeder Lieferant von der Tafel.
Angst, dass einmal nichts übrig bleibt haben die Ullrichs nicht und wenn es mal nicht so viel ist, „dann legen wir schon mal etwas drauf, was wir auch noch hätten verkaufen können“, so Tobias Ulrich, der sogar einen betriebswirtschaftlichen Vorteil parat hat: „Für eine Entsorgung müssten wir sogar bezahlen, so sparen wir noch etwas Geld, doch das ist nur eine Randerscheinung, viel wichtiger ist es, den Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen“.

Nächste Station auf der Tour am Freitagmorgen ist der vor zwei Wochen eröffnete Lidl-Markt in der Fauerbacher Straße. „Ich habe da einmal angerufen und bin sofort auf offene Ohren gestoßen“ erzählt Peter Radl auf dem Weg nach Fauerbach. Insgesamt 14 Lieferanten stehen derzeit auf der Liste der Tafel, darunter einige, die sich vorab telefonisch melden, wie das Rewe-Frischelager und das Lager des Bio-Großhändlers Phoenix, beide in Rosbach, sowie „Brandenburg Fleisch- und Wurstwaren“ in Frankfurt.
Regelmäßig angefahren werden die REWE-Märkte auf der Kaiserstraße, Im Krämer und in der Fauerbacher Straße sowie in Assenheim. Dazu kommen der Toom-Markt in Bad Nauheim, der Obst- und Gemüsehandel Fischbach in Ober-Wöllstadt und die Bäckereien Künkel in Nieder-Mörlen und Jung in Bruchenbrücken. „Wir könnten natürlich noch mehr Lieferanten gebrauchen, sie müssen ja nicht jede Woche liefern“ so Radl, denn immerhin gibt es inzwischen eine Warteliste von über 50 Familien und dies obwohl an jedem Ausgabetag zwischen 85 und 90 Familien oder Einzelpersonen nach einem festen Zeitplan ihre Lebensmittel abholen.
An der Laderampe des neuen Lidl-Markt angekommen, warten bereits über 20 Kisten auf die Tafel-Mitarbeiter. „15 Kisten Obst und Gemüse“ zählt Horst Lerch für den Lieferschein, während Peter Radl schon mal kurz vorsortiert, denn „was überhaupt nichts mehr ist, nehmen wir erst gar nicht mit“. Das ist allerdings hier kaum der Fall, vielmehr präsentieren sich Weintrauben, Salat oder Kartoffel noch in bestem Zustand. Nur einige halbfaule Pfirsiche bleiben zurück.
Groß ist auch das Angebot an Backwaren, von denen Marktleiter Norbert Hahn und sein Stellvertreter Markus Scheuermann noch mehr bringen. Die beiden Kisten mit Croissants sind noch bis zum 05. Oktober haltbar und trotzdem wurden sie schon aussortiert. „Wir haben eine Kundenrestlaufzeit und da werden die Backwaren beispielsweise sieben Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert, denn der Kunde soll frische Ware erhalten“, erzählt der stellvertretende Marktleiter und Peter Radl stellt dazu fest: „Uns freut dieses System, denn so erhalten unsere Tafelkunden noch beste Ware“. Da der Bus schon ziemlich voll ist, fährt das Duo zunächst zum Tafelladen, um auszuladen. Dann geht es weiter nach Bruchenbrücken und Assenheim und zu den anderen Stationen in der Kernstadt.
Immer wieder gibt es auch besondere Lieferungen, so war Radl zusammen mit Fahrdienstkoordinator Achim Bornträger am Tag zuvor bei der Ferrero-Zentrale in Stadt-Allendorf um 12000(!) Packungen „Kinder Maxi Kings“ aus einer eigentlich für den italienischen Markt stammenden Überproduktion abzuholen. Möglich wurde diese Abholung durch die Kooperation verschiedener mittelhessischer Tafeln. So waren es die Marburger, die in der Kreisstadt anfragten, ob für die Süßwaren Verwendung bestehe, während die Marburger, Gießener oder Hungener Tafel schon mal Wurst von Brandenburg erhielten, die in der Kreisstadt nicht verteilt werden konnte. „Solche Spezialeinsätze mache ich gerne“ erzählt Bornträger, der manchmal ganze Tage im Tafelladen verbringt. „das ist schon ein Fulltimejob“, lacht der Bad Nauheimer.

„Der Müll muss weggefahren werden und zu tun ist eigentlich immer was“ erzählt Bornträger, der ebenso wir Karl-Heinz Schwingler „ein Mann für alle Fälle“ in der Tafel ist. Schwingler kommt an den Ausgabetagen schon morgens um sieben in den Laden, um die Ausgabekisten mit den entsprechenden Schildern zu versehen und die Sortierung vorzubereiten. Dann beginnen die ersten Helfer mit dem Sortieren und Füllen der Kisten, die alle mit Namen der Bedürftigen, Anzahl der Personen im Haushalt und möglichen Besonderheiten, wie Allergien oder dem Hinweis kein Schweinefleisch bei Moslems, versehen sind.
Alle Helfer tragen sich im Internet auf den internen Seiten der Homepage www.friedberger-tafel.de für einen bestimmten Tag ein und „das klappt ganz hervorragend“, so Radl. Längst gibt es da Helfer, die gerne fahren, andere sortieren nur und wieder andere bevorzugen den Dienst in der Ausgabe am Nachmittag. „Tafel-Arbeit hält einfach jung und macht Spaß“ erzählt der 64 Jahre alte gelernte Diplom-Ingenieur Horst Lerch, der nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben gerne noch etwas machen wollte und die Tafel-Idee „war da genau das Richtige“.
Andere engagieren sich im Büro, so wie Walter Krause, der unter anderem die Kunden- und Ausgabelisten aufstellt, neue Kundendaten aufnimmt und die entsprechenden Schilder für die Ausgabekisten und Kundenkarten erstellt. „Wir sind hier schon so etwas ähnliches wie ein mittleres Unternehmen“, meint da Walter Meiser, ein weiterer freiwilliger Helfer. „24 Jahre habe ich Schmuck und Diamanten verkauft und nun sortiere ich hier Obst und Lebensmittel und es macht Spaß“ erzählt Helga von Trusczynski, die gerade Obst vorsortiert.
Natürlich gibt es da auch Abfall, der streng getrennt gesammelt wird und oft langen die drei Mülleimer für die organischen Abfälle nicht aus, so wie am Freitag, da aus dem Rewe-Frischelager unzählige Steigen mit zum Teil angefaulten Pfirsichen geliefert wurden. „Manchmal bekommen wir einfach zuviel“, erzählt Walter Krause und auch die Weintrauben und Feigen nehmen an diesem Tag kein Ende. Diese werden neben der Ausgabe aufgebaut und hier kann sich dann jeder Kunde neben seiner Lieferung noch kostenlos bedienen.
„Wir achten darauf, dass unsere Kunden nur gute und voll genießbare Ware erhalten“ stellt Bornträger fest. So werden am Vormittag nur Obst, Brot und sonstige unverderbliche Ware in die Kisten sortiert. Alles, was gekühlt werden muss, kommt direkt bei der Ausgabe aus den drei großen Kühl- und Gefrierschränken oder aus dem großen Kühlraum und so wird sichergestellt, dass die Kühlkette, wie im Handel, nicht unterbrochen wird.
Sehr gut arbeitet die Friedberger Tafel auch mit dem Karl-Wagner-Haus zusammen und dessen Küchenchef Bernd Appel wird immer dann zurate gezogen, wenn sich die Helfer nicht sicher sind, ob Gemüse, Obst oder sonstige leicht verderbliche Ware noch genießbar ist. Bleibt Ware übrig, ist Appel auch als Abnehmer gerne gesehen, so nimmt er am Freitag etliche Steigen Weintrauben und einige Ferrero-Pakete mit, denn „die geben wir heute nie und nimmer alle aus“, so eine Helferin.
Eine Woche zuvor gab es einen Überschuss an Kürbissen und daraus zauberte Appel eine Kürbiscremesuppe und die brachte er zum Testen natürlich vorbei. Bei all der vielen Arbeit bleibt auch immer Zeit für eine Pause bei Kaffee und einem Stückchen oder belegtem Brötchen.

„Die Stimmung hier ist immer locker“, stellt Bornträger fest, auch wenn es dann doch manchmal etwas stressig wird.
Das gilt insbesondere zum beginn der Ausgabe um 14.00 Uhr, denn nicht alle Kunden halten sich an die Zeit, für die sie bestellt wurden. „Viele haben Angst, dass sie um 16.00 Uhr nichts mehr bekommen“ erzählt Krause, der aus diesem Grund einen entsprechenden Hinweiszettel erstellt hat. „Ohne eine gewisse Ordnung geht hier nichts“, stellt eine weitere Helferin fest, denn um kurz vor 14.00 Uhr ist der Laden proppevoll und es kommt vorübergehend Hektik auf.
Dabei hatten die Helferinnen schon die ersten Kisten aus dem Sortier- und Lagerraum nach vorne gebracht und auch die zwei Eimer Äpfel, die eine Kreisstädterin kurz zuvor vorbeigebracht hatte, waren da noch hingestellt worden. „Es kommen immer wieder Privatpersonen vorbei, die uns Marmelade oder frisch geerntetes Obst und Gemüse aus ihrem Garten bringen“, erzählt eine Helferin, während eine andere sich an einen Kunden erinnert, der morgens vorbeikam und den Helferinnen als dank Blumen vorbei brachte.
Die Kunden sind über das Angebot der Tafel äußerst dankbar. „Das langt jetzt wieder für 14 tage“ erzählt eine Kreisstädterin, die nach einem Unfall seit 16 jahren arbeitslos ist. „Was habe ich schon gehungert, weil ich nicht über die Runden kam“ erzählt die Tafelkundin und ein anderer ist „einfach nur glücklich, dass es das hier jetzt gibt“. Da werden auch die „Preiserhöhungen“, die ab dieser Wiche in Kraft treten akzeptiert. Statt 1,50 Euro muss jeder Kunde nun zwei Euro und für jedes Familienmitglied 50 Cent zahlen. „Die Kosten steigen auch bei uns ständig“, so Peter Radl und die gesamte Tafelarbeit wird nur aus den Mitgliedsbeiträgen, den Kundenbeträgen und unzähligen Spenden finanziert.
Die Spendenfreudigkeit in der Kreisstadt aber auch aus den umliegenden Gemeinden hat die Tafelmitglieder bisher positiv überrascht und nun hoffen alle, dass diese nach der Anfangseuphorie nicht nachlässt. So wird dringend ein zweites oder sogar drittes Fahrzeug benötigt, doch zumindest für ein Fahrzeug ist inzwischen die Finanzierung geklärt. Zwischen 60 000 und 70 000 Euro werden alljährlich für die Tafelarbeit benötigt und selbst die freiwilligen Helfer zahlen da noch einen Jahresbeitrag von 12 Euro.
Sobald wie möglich soll der Tafelladen auch montags geöffnet werden, um so die Warteliste abzubauen, doch hierfür werden sowohl noch Helfer als auch Lieferanten gesucht. „Uns fehlen immer wieder Wurstwaren, Bäcker haben wir fast genug, aber außer Brandenburg keinen einzigen Metzger“, stellt Bornträger fest. Über Unterstützung jeglicher art freuen sich alle Tafelmitglieder und wer daran in welcher Form auch immer teilhaben will, der sollte sich mit der Friedberger Tafel in Verbindung setzen, entweder über das Internet über www.friedberger-tafel.de oder telefonisch unter 06031/6844624.

Fotos: Schuchardt