Statt in den Müll Lebensmittel auf die Tafel
In Friedberg können sich bedürftige Menschen bald mit preiswertem Essen versorgen — Helfer und Sponsoren gesucht
Von Andreas Matlé
FRIEDBERG. „Lieber verwerten als vernichten!“ — so das Motto der Vereinigung „Die Tafeln“. Bedeutet: Einerseits die unappetitliche Überflussgesellschaft in der angeblich .20 Prozent der produzierten Lebensmittel überhaupt nicht den Verbraucher erreichen, sondern stattdessen im Müll landen. Andererseits immer mehr Menschen, die mit dem Stigma „bedürftig“ versehen sind, denen pro Tag gerade mal 4,50 Euro für die Zubereitung von Frühstück, Mittag- und Abendessen zur Verfügung stehen.
In Kürze soll es auch in Friedberg einen Zweig der Vereinigung „Die Tafeln“ geben, die aufgrund zunehmender Bedürftigkeit nach Angaben von Fachleuten wie Pilze aus dem Boden schießen. Die in der Kreisstadt ansässige Geschäftsfrau Hannelore Finkernagel und ihr Mitstreiter Peter Radl heben dafür einen entsprechen den Verein aus der Taufe, hoffen auf möglichst viele passive wie aktive Mitglieder (sprich ehrenamtlich tätige Helfer) wie natürlich auf Sponsoren, welche Geld- spenden beisteuern. Gebraucht werden technisches Gerät wie Kraftwagen und Kühlschränke und - dies natürlich am wichtigsten — Lebensmittel. Ihr Konzept stellten die beiden jetzt im Rathaus von Friedberg vor, wo Bürgermeister Michael Keller seine persönliche Unterstützung und jene der Stadt zusicherte.
In den noch zu findenden Räumlichkeiten können bedürftige Menschen dann zweimal in der Woche zu exakt festgesetzten Uhrzeiten Lebensmittelpakete abholen. „Diese sind jedoch nicht ganz gratis“, erläuterte Radl. „Zum einen gibt es wahrscheinlich eine Deckungslücke in der Finanzierung. Zum anderen hebt es das Selbstwertgefühl der Betroffenen, wenn sie für die Produkte bezahlen.“ Er erhoffe sich vom Finanzamt die Anerkennung als „mildtätige“ Organisation, weil unter dieser Prämisse Spender einen höheren Prozentsatz von der Steuer absetzen könnten als bei einem gemeinnützigen Verein. Radl mit Augenwinkern: „Und wenn Mitglieder mehr überweisen als den eigentlichen Beitrag, werden wir dieses Geldbestimmt nicht zurück überweisen.“ Hans Mengeringhaus vom Bundesverband Deutsche Tafel, der einst in Kassel eine „Tafel“ gründete, referierte vor zahl reichen Vertretern der Stadt wie Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender, Geschäftsleuten und gemeinnützigen Organisationen das Prinzip der „Tafeln“. Gegründet 1983 in den USA, als der damalige Bürgermeister die „Ärmsten der Armen“ aus der Stadt vertrieben habe. „Damit wurde diesen Menschen auch noch die Gelegenheit genommen, sich aus dem weggeworfenen Essen in den Abfalleimern zu ernähren“, so Mengeringhaus.
1993 schwappte die Idee nach Deutschland über. Berlin, Frankfurt, München, Hamburg. Inzwischen immer mehr Städte am Rande der Peripherie wenn nicht gar in ländlichen Regionen. Mittlerweile gebe es in Deutschland 540 Tafeln — patentrecht lich übrigens geschützt, da nicht jeder Antragsteller das Etikett verliehen bekomme. 26.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sammeln, ordnen und geben in Deutschland die Lebensmittel aus, jährlich immerhin stattliche 70 000 Tonnen. Weitere beeindruckende Zahlen, die Mengeringhaus anführen konnte: „Deutsch landweit sind 650 tafeleigene und 1 000 private Fahrzeuge unterwegs und versorgen eine halbe Million Menschen, darunter allein ein Drittel Kinder und Jugendliche. Diese Altersgruppe wächst leider am stärksten.“ Unter den Lebensmittelempfängern befänden sich 48 Prozent Rentner, Nicht-Deutsche und allein erziehende Mütter wie Väter, 41 Prozent Hartz-IV Empfänger sowie 11 Prozent Obdachlose.
Besonderen Wert lege man auf vitaminreiche Ernährung, weil diese bei besagten Personengruppe eher selten auf dem Speiseplan stünden. In gleichem Atemzug räumte Mengeringhaus mit einem verbreiteten Vorurteil auf: „Bei den ausgegebenen Lebensmitteln handelt es sich nicht etwa um solche, bei denen das Verfallsdatum abgelaufen ist. Wir geben nur aus, was wir selbst ebenfalls essen würden.“ „Eine riesige Aufgabe liegt vor uns“, sagte Hannelore Finkernagel, eine Kombination mit Bad Nauheims sei denkbar. Sie und Peter Radl orientierten sich an der Grünberger „Tafel“, wo sie sich jede Menge Ratschläge eingeholt hätten. Nähere Infos über die Friedberger „Tafel“ unter den Rufnummern 06031/730350 und 0603 1/ 14954 und im Internet unter www.tafel.de
