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44 Einrichtungen in Hessen verteilen Lebensmittel an Bedürftige/Auch in kleineren Kommunen engagieren sich viele

Sie sammeln in Geschäften Lebensmittel ein und geben sie an Bedürftige in ihrer Stadt weiter: Immer mehr Menschen engagieren sich in so genannten Tafeln. Die Nachfrage nach günstigen Lebensmitteln wächst.

FRIEDBERG: Heute ist Schlaraffenland-Tag. Der Fahrdienst hat eine ganze Palette Pfirsiche angeschleppt, Ananas, Melonen und Bananen gebracht. Auch frische Kresse haben die Frauen vom Sortierdienst schon in die Plastikkisten mit den Namensschildchen gepackt. Brot, Weintrauben, süße Stückchen. Noch immer ist etwas übrig. Gaby Linde und Carla Seipp telefonieren die Warteliste ab. 43 Familien stehen darauf. Die mit Kindern haben Priorität. „Guten Tag, hier ist die Friedberger Tafel. Sie können heute etwas abholen.“
Der Tafelladen in der Friedberger Altstadt ist eine der jüngsten in Hessen. 80 Ehrenamtliche engagieren sich dort — Hausfrauen, Arbeitslose, Rentner, Selbstständige, Berufstätige mit Teilzeitjob oder Gleitzeit. Längst nicht genug, um den Bedarf in r der Kleinstadt zu decken, sagt der stellvertretende Vorsitzende, Peter Radl. Allein in Friedberg seien 3900 Menschen bedürftig, darunter fast 600 Kinder. Doch für mehr als zwei Verkaufstage in der Woche reiche das Personal nicht aus. Nur 120 Familien können einmal pro Woche für 1,50 Euro einen Korb voll Lebensmittel mit nach Hause nehmen. Die anderen Interessenten stehen auf der Warteliste.
„Zunehmende Armut, vor allem Kinderarmut.“ So begründet Hans Mengeringhaus vom Bundesverband Tafeln den deutschlandweiten Gründungsboom. Die Frankfurter Tafel war vor zehn Jahren die erste in Hessen, inzwischen sind es 44. Allein im vergangenen Jahr entstanden zwölf neue Vereine. Derzeit sind drei weitere im Rhein-Main-Gebiet in der Gründungsphase. Dass alle im Sinne des Tafel-Gedankens arbeiten, wird vom Bundesverband überwacht. In Hessen ist Mengeringhaus dafür verantwortlich, er berät auch bei Neugründungen - selbstverständlich ehrenamtlich. „Kontrolle muss sein“ sagt er. „Es gibt sehr viele Trittbrettfahrer.“ Deshalb lautet das oberste Prinzip: Auf der einen Seite steht derjenige, dem geholfen wird, auf der anderen der, der helfen will. Sich selbst von den Lebensmitteln etwas abzuzwacken ist nicht erlaubt.
Tafeln, sagt Meneringhaus, sollen den Speiseplan ergänzen — mit Lebensmitteln, die sich die Hartz-IV-Empfänger oder Rentner nicht leisten können. Manchmal gibt es auch Delikatessen wie Lachs oder Krebsschwänze. „Alles, was der Verbraucher aus unerklärlichen Gründen nicht mehr mit nimmt“ sei willkommen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum dürfe überschritten sein, nicht aber das Verbrauchsdatum Seiten profitieren davon: Die Läden, die sich die Entsorgungskosten sparen, und die Armen, deren Speiseplan bunter wird.

Sponsoren für Kühlschränke
Mengeringhaus kennt alle Tafeln im Land. Die großen Tafeln in Frankfurt, Kassel, Marburg, Fulda oder Wetzlar, die bis zu 3000 „Fälle“, wie er sagt, versorgen. Und die kleineren wie die Dietzenbacher oder Butzbacher mit ein paar hundert Kunden. Oder, eben die in Friedberg. Rund ein halbes Jahr dauerte es von der Vereinsgründung bis zur Eröffnung des Ladens im Juni. In dieser Zeit suchten die Mitglieder Sponsoren für Kühlschränke und das Fahrzeug, klapperten Geschäfte ab, fanden einen relativ zentral gelegenen Laden. Persönliche Beziehungen, sagt Peter Radl, seien das A und 0 bei der Arbeit. Wer die richtigen Leute in Wirtschaft und Stadt kenne, komme schneller zum Ziel.
Doch nicht nur die Großen helfen beim Helfen. Abiturienten der Lioba-Schule haben für die Tafel gesammelt, Jugendliche verzichten auf einen Teil ihres Konfirmationsgeldes. Radl ist begeistert von der breiten Unterstützung. »Alle finden unsere Arbeit gut.“ Jetzt müssen nur noch mehr Helfer da zukommen. »Dann können wir auch montags öffnen.“ JUTTA RIPPEGATHER

INTERVIEW

„Etwas Sinnvolles machen“

Inge Voigt ist eine von rund 80 ehrenamtlichen Mitarbeitern der Friedberger Tafel. Sie findet es erstaunlich, dass es so viel Essen zu verteilen gibt.

Frankfurter Rundschau: Frau Voigt, Sie arbeiten seit Gründung der Friedberger Tafel mit. Warum?
Inge Voigt: Als Arbeitssuchende habe ich sehr viel Freizeit, deshalb möchte ich etwas Sinnvolles machen. Ich möchte auch der Gesellschaft etwas zurückgeben, was ich bekommen habe. Außerdem ist es eine Art Vorbeugung. Ich weiß nicht, wie ich selbst dastehe, wenn zum Beispiel die Renten tatsächlich gekürzt werden.
Was geht Ihnen durch den Kopf wenn Sie die vielen Lebensmittel sehen?
Es stellt sich schon die Frage, warum das früher alles im Container gelandet ist. Liegt das an der Überproduktion oder sind die Preise in den Läden einfach zu hoch? Die Geschäfte könnten das doch eigentlich selbst zu günstigeren Preisen anbieten. Der Weg über die Tafel ist quasi ein Umweg.
Wie reagieren die Kunden?
Erstmal waren alle sehr neugierig. Eigentlich ist jeder, der reinkommt sehr freundlich. Viele sind auch zögerlich, wenn wir ihnen anbieten, sich noch selbst an der Obstschale auf dem Tresen zu bedienen.
Profitieren Sie auch persönlich vom Ehrenamt?
Ja. So bleibe ich in Kontakt mit Menschen — auch ohne bezahlte Arbeit.

Interview: Jutta Rippegather