Von Hedwig Rohde.
Friedberg. „Neue Unterschicht", auch „Prekariat" genannt, „Altersund Kinderarmut", „soziale Ausgrenzung": Mit Schlagworten sind Politiker ebenso wie Journalisten schnell bei der Hand. Aufregungen entstehen in der modernen Mediengesellschaft wie aus dem Nichts und verpuffen oft schon nach wenigen Tagen - so geschehen erst kürzlich bei der Debatte über Deutschlands Unterschicht. Wirklich geholfen ist damit keinem, konkrete Hilfe sieht anders aus. Ein Beispiel dafür sind die inzwischen über 600 „Tafeln" in Deutschland. Sie versorgen Bedürftige mit Lebensmitteln, die andernfalls auf dem Müll landen würden. In Friedberg gibt es seit Februar dieses Jahres den Verein „Friedberger Tafel".
Initiiert von der jetzigen Vorsitzenden Hannelore Finkernagel und ihrem Stellvertreter Peter Radl, versorgt der Verein in seinem hellen und freundlichen Laden in der Kleinen Klostergasse wöchentlich 120 Familien, dazu etliche Einzelpersonen. „Insgesamt hängen da um die 600 Menschen dran", erzählt Peter Radl. Inzwischen sind die Kapazitäten der zweimal wöchentlichen Ausgabe (mittwochs und freitags von 14 bis 17 Uhr) erschöpft, 50 Familien stehen auf der Warteliste. Geplant ist deshalb, künftig auch montags auszugeben, doch dafür werden unter anderem weitere ehrenamtliche Helfer gesucht.Bisher werden am Vormittag des ersten Wochentages nur weitere Kunden registriert. Gegen Vorlage des Rentenbescheides, einer Bescheinigung von JobKomm oder ähnlichen Einrichtungen wird die Bedürftigkeit geprüft und gegebenenfalls eine Kundenkarte ausgegeben. „Wir orientieren uns in der Bewertung an Hartz IV", sagt Peter Radl. Ein wenig traurig sind die Helfer, dass viele Rentner, die ebenfalls am Existenzminimum oder darunter liegen, das Angebot nicht annehmen, oft aus Scham. Hier will der Verein Aufklärungsarbeit leisten.
80 Frauen und Männer arbeiten wöchentlich bei der Tafel mit, manche leisten einen regulären Halbtagsjob. Die Regeln sind streng. Nicht nur, dass keine Aufwandsentschädigung gezahlt wird, sondern im Gegenteil ein Jahresbeitrag entrichtet werden muss; es ist darüber hinaus untersagt, übrig gebliebene Lebensmittel selbst mitzunehmen. Peter Radl hält dies für unabdingbar. „Das sind wir unseren Lieferanten schuldig, die spenden schließlich nur für Bedürftige. Deshalb gilt: Ein Kunde kann kein Helfer sein und ein Helfer kein Kunde."
Für Helfer und Lieferanten hat Radl nur Lob. Gesammelt werden - jeweils am Vormittag vor der Ausgabe - bei Märkten, Bäckereien, Fleischereien und anderen Einzelhändlern ausschließlich Lebensmittel, die qualitativ noch einwandfrei sind, aber aussortiert wurden, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum bevorsteht oder die Verpackung defekt ist. Im Laden der Tafel beginnt direkt nach Anlieferung der ersten Waren durch den vereinseigenen Lieferwagen das Packen der Kisten. Frischwaren werden in Kühlschränken gelagert und erst bei Abholung eingepackt. Jede Kiste trägt eine Kundennummer. Zur Abholung wird jedem Kunden eine feste Uhrzeit zugeteilt, um die Ausgabe reibungslos zu gestalten. Wer unentschuldigt zu spät kommt, hat sein Anrecht auf die Ausgabe verwirkt, nach dreimaliger Wiederholung wird ihm die Kundenkarte entzogen. „Wir wissen ja nicht, ob jemand noch kommt, aber auf unserer Warteliste stehen immer Menschen, die dringend auf Hilfe warten", begründet Radl.
Dazu gehört auch, dass pro Korb zwei Euro und weitere 50 Cent pro zusätzlichem Familienmitglied entrichtet werden müssen. Angesichts eines Warenwert von mindestens 30 bis 40 Euro pro Kiste erscheint dies vertretbar, und zur Finanzierung der Friedberger Tafel ist jeder bescheidene Beitrag nötig.
Miete, Benzin und Telefon kosten jährlich zwischen 60.000 und 70.000 Euro.
Fotos: Rohde
